Warum Höflichkeit veraltet ist, was an ihre Stelle treten kann und was das mit Entscheidungsfreiheit zu tun hat

Was haben Entscheidungsfreiheit und Höflichkeit miteinander zu tun? Auf den ersten Blick nichts. In diesem Artikel zeige ich Dir, warum Du Deinen Kindern durch Erziehung zur Höflichkeit die Entscheidungsfreude austreibst – so, wie es vielleicht Deine Eltern bei Dir gemacht haben.

Was ist Höflichkeit?

Als höflich werden in unserer Gesellschaft Kinder empfunden,

  • die mit dem was Sie sagen wollen, warten, bis andere ausgesprochen haben.
  • die freundlich grüßen.
  • die Bitte und Danke sagen.
  • die bitten statt zu fordern.

… und zwar ungeachtet dessen, ob sie dies von Herzen tun, oder darauf trainiert wurden.

Ich habe nachgesehen, wo das Wort „höflich“ seinen Ursprung hat: Es kommt von mittelhochdeutsch hoflich – also dem Hof gemäß, fein, gesittet. 

Moderner als höflich

Ich glaube, dass Höflichkeit eine veraltete, in unserer heutigen Gesellschaft nicht mehr besonders nützliche Eigenschaft ist. Wie wäre es mit freundlich, aufgeschlossen, einfühlsam, und entgegenkommend? Auch freundliche, aufgeschlossene, einfühlsame und entgegenkommende Kinder

  • warten, bis andere ausgesprochen haben.
  • grüßen freundlich.
  • sagen Bitte und Danke.
  • bitten statt zu fordern.

… und zwar dann, wenn ihnen von Herzen danach ist.

Der feine Unterschied

Eltern, die davon überzeugt sind, ihre Kinder müssen höflich sein, werden ihnen durch häufige Wiederholungen, Lob und Tadel die oben genannten Aspekte höflichen Verhaltens beibringen.

Eltern, die mit ihren Kindern freundlich, aufgeschlossen, einfühlsam und entgegenkommend umgehen, brauchen einfach nur abzuwarten. Wir können ohnehin nichts dagegen tun, dass unsere Kinder unser Verhalten zumindest in Teilen übernehmen.

Doch was hat das alles mit der Fähigkeit zu tun, uns zu entscheiden?

Warum Höflichkeit und Entscheidungsfreude nicht zusammenpassen

Um Entscheidungen schnell und sicher treffen zu können, brauchen wir sowohl die Fähigkeit zum rationalen Denken, als auch eine gute Intuition. Unsere Intuition steht uns nur dann zu Verfügung, wenn wir unsere eigenen Emotionen wahrnehmen können. Ohne einfühlsames Wahrnehmen der eigenen Emotionen keine Intuition – und ohne Intuition keine Entscheidung (Näheres dazu zum Beispiel hier).

Von außen geforderte Höflichkeit steht unseren Emotionen oft entgegen. (Kleine Kinder geben ja nicht deshalb nicht die Hand, weil sie es noch nicht können, sondern weil sie sich damit unwohl fühlen. Würden sie sich wohl fühlen – und das Gefühl haben, dass auch Mama sich dabei wohl fühlt – würden sie es einfach nachmachen.)

Wurden wir zur Höflichkeit erzogen, dann haben wir gelernt, unsere eigenen inneren Impulse und Gefühle zu unterdrücken, um auf eine Art und Weise zu reagieren, die gesellschaftlich anerkannt ist. Wenn Du Dich also schwer tust, Entscheidungen zu treffen, dann kann das gut an Deiner Erziehung zur Höflichkeit liegen.

Gönne Dir selbst, Menschen von Herzen zu grüßen, von Herzen Bitte und Danke zu sagen und vor allen Dingen offen zu sagen, was Du willst. Dann wirst Du ein wunderbares Vorbild für Deine Kinder sein.

Jetzt will ich Dich noch auf einen sprachlichen Aspekt der sogenannten Höflichkeit aufmerksam machen, der wie kein anderer dafür sorgt, dass wir uns nicht entscheiden können:

Mein bester Tipp für mehr Entscheidungsfreude für Dich und Dein Kind

Ich höre immer und immer wieder den folgenden Satz von Erwachsenen gegenüber Kindern: „Das heißt nicht ich will, das heißt ich möchte.“

Denk bitte einen Moment lang darüber nach, was in einem Kind vorgehen muss, das einen solchen Satz hört.

Das Kind hat gerade gespürt, dass es etwas Bestimmtes haben will. Es teilt diese Erkenntnis mit einem Erwachsenen. Was es bekommt, ist ein Tadel.

Auf Dauer wird es die Empfindung „ich will“ dem Gefühl verknüpfen, nicht gut genug zu sein. Wie soll sich ein Mensch entscheiden können, wenn er sich jedes Mal schlecht fühlt, wenn er spürt, was er will?

Abgesehen davon, ist der Satz „Ich möchte bitte…“ grammatikalischer Unsinn:

Das Wort möchte, ist der Konjunktiv II des Wortes mögen. (Der Konjunktiv II von „gehen“ ist „ginge“ und hat z.B. in folgendem Satz seinen Platz: „Ich ginge alleine, wenn ich den Weg wüsste.“) Jetzt merkst Du wahrscheinlich, dass im Satz „Ich möchte ein Eis, bitte.“ etwas fehlt. Damit das ein grammatikalisch korrekter Satz wäre, müsste noch der zweite Teil des Bedingungssatzes folgen. Zum Beispiel „Ich möchte ein Eis, wenn es nicht so kalt wäre.“

„Ich möchte bitte ein Eis.“ ist also ein grammatikalisch unvollständiger Satz. Und warum sollen wir nicht wollen dürfen?

Weil es unhöflich ist?

Wenn ich diesen Zusammenhang in meinen Vorträgen und Seminaren anspreche, kommt meist an dieser Stelle der folgende Einwand: „Aber einfach nur ‚Ich will ein Eis.‘ zu sagen, ist doch total unhöflich.“

Für mich ist der Satz „Ich will ein Eis.“ einfach eine Aussage. Wenn ich jedoch erwarte, dass jemand mir auf diesen Satz hin, sofort ein Eis bringt – dann ist das nicht besonders einfühlsam. Und genau hier liegt das Problem. Wenn jemand uns davon berichtet, was er will – besonders wenn es unsere Kinder sind – ist es für uns nur schwer zu ertragen, nicht sofort eine Lösung zu bieten.

Doch es sind nicht unsere Kinder, die diese Lösung fordern. Vielmehr sind wir es, die nicht wirklich auf unsere Kinder eingehen, sondern stattdessen sofort nach Lösungen suchen. Dadurch fühlen wir uns unter Druck. Und dann empfinden wir es als unhöflich, dass unsere Kinder uns so unter Druck setzen (was sie ja gar nicht tun).

Wirklich?

Doch ist es wirklich unhöflich zu wissen, und dann auch zu sagen, was wir wollen?

„Ich will ein Eis. Gib sofort eines her.“ Das empfinde ich als unfreundlich.

Wenn dagegen jemand zu mir sagt „Ich habe gerade das Schild mit dem Eis gesehen. Ich will so gerne ein Eis essen. Bitte gib mir einen Euro, damit ich mir eins kaufen kann.“ dann empfinde ich das als ausgesprochen freundlich. Und ich freue mich mit meinem Kind darüber, dass es weiß was es will. Wenn es auch noch klar benennen kann, wer oder was ihm bei der Erfüllung seines Wunsches helfen kann, dann bin ich begeistert. Wenn es erstmal nur sagt „Ich will ein Eis.“, dann antworte ich einfach mit „Oh ja, das kann ich verstehen. Ich habe auch das Plakat gesehen und richtig Appetit bekommen.“ und warte ab, was kommt.

Der Satz „Ich will ein Eis.“ ist also nicht unhöflich. Es fehlt lediglich noch ein weiterer Zwischenschritt zwischen dieser Aussage und der Notwendigkeit für uns, zu handeln.

Fazit

Das, was in unserer Gesellschaft als höflich empfunden wird, erfordert häufig das Unterdrücken der eigenen Gefühle. Umso weiter wir uns von unseren eigenen Gefühlen entfernen, desto schwerer wird es uns fallen, uns zu entscheiden.

Wenn Du Dir für Dein Kind wünschst, dass es „später einmal weiß, was es will“ dann zwinge es nicht höflich zu sein. Lebe ihm eine authentische, einfühlsame Haltung anderen Menschen gegenüber vor.

Wenn Du Dir selbst Entscheidungen zukünftig leichter machen willst: Gewöhne Dir an, klar zu benennen, was Du willst!

Da dieses Thema auch in meinen Seminaren eines der am meist diskutierten ist, freue ich mich auf regen Austausch in den Kommentaren. Was meinst Du dazu?

Mach es Dir leicht.

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PS: Dieses Thema liegt mir ganz besonders am Herzen. Ich will, dass möglichst viele Menschen davon erfahren, was erzwungene Höflichkeit mit uns macht. Bitte teile diesen Artikel in den sozialen Medien, wenn Dir meine Gedanken dazu gefallen. (statt: „Ich möchte bitte, dass Du den Artikel teilst.“ 😉 )

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Übrigens: In die meisten meiner Artikel fließen Ideen aus der GFK und dem Lingva Eterna Sprach- und Kommunikationskonzept ein.

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