Liebe Mütter, bitte lasst Eure Kinder in Ruhe!

Tust Du auch alles dafür, dass es Deinem Kind gut geht? Kennst Du auch diese Angst, das was Du tust oder sagst könnte falsch sein? Ich glaube, wir Mütter tun und sagen tatsächlich ständig Dinge, die unsere Kinder behindern. Dabei können wir das ganz leicht vermeiden – indem wir unsere Kinder einfach mal in Ruhe lassen!

Frust, Freude und Entdeckerlust

Matthias weint voll Frust. Es gelingt ihm nicht, den Reißverschluss seiner Jacke zu schließen. Seine Mutter greift nach der Jacke um dem Kind zu helfen.

Anna rennt mit tapsigen Schritten einen Berg hinunter. Ihre Mutter ruft: „Mach langsam, damit Du nicht hin fällst.“

Max bohrt auf einem Spielplatz verzückt mit einem Stecken in der Erde. „Geh doch in den Sandkasten, da sind auch Schaufeln und Förmchen.“ – „Nein.“ – „Willst Du lieber wippen? Oder schau mal, die Schaukel ist gerade frei geworden.“ Das Kind schüttelt den Kopf. „Na dann rutsch doch wenigstens. Das machst Du doch so gerne.“

Jetzt fragst Du Dich vielleicht, was an diesen Beispielen so bedeutend ist. Ich will es Dir sagen:

Die Kinder in den Beispielen machen gerade wichtige Erfahrungen. Dafür brauchen sie ihre Mütter nicht. Sie brauchen Zeit und Ruhe, um sich weiter auf Ihre Aufgabe konzentrieren zu können. Und sie brauchen die Gewissheit: Wenn ich Mama brauche, ist sie für mich da. Sie hilft mir, den Reißverschluss zu schließen, klebt ein Pflaster auf mein aufgeschlagenes Knie und geht mit mir zur Schaukel, wenn mir langweilig wird.

Gestörte Entwicklung

Machen wir uns bewusst: Mit jeder ungefragten Hilfestellung, mit jeder Unterbrechung des Spieles, mit jeder Ermahnung zur Vorsicht, stören wir unsere Kinder in ihrem „Flow“ (Der Glücksforscher Mihaly Csikszentmihalyi bezeichnete damit das völlige Aufgehen in einer Tätigkeit). Der natürliche Flow ist eine der wichtigsten Triebfedern für die Entwicklung unserer Kinder. Nur weil sie sich so ganz und gar auf etwas einlassen können, sind sie in der Lage so rasend schnell zu lernen und zu wachsen.

Mit jeder Unterbrechung vermitteln wir unseren Kindern außerdem, dass ihre Tätigkeit nicht wichtig genug ist, um sie nicht zu stören. (Wie oft hören sie Sätze wie „Ich telefoniere gerade. Das ist wichtig. Stör mich nicht.“?)

Es ist also nicht einfach nur nervig, wenn Mama dauernd ihren Senf dazu gibt, sondern schädlich – für die kindliche Entwicklung und für unsere Beziehung zueinander.

Zum Lernen gehören übrigens auch Versuch und Irrtum. Der kleine Matthias aus dem obigen Beispiel wird lernen, wie es aussieht, wenn seine Mutter den Reißverschluss zuzieht. Und vielleicht, dass seine Mutter gar nicht daran glaubt, dass er es schaffen könnte. Welche Freude wäre es gewesen, wenn er es nach einigen weiteren Versuchen doch selbst geschafft hätte?

Natürliches Wachstum zur Selbstständigkeit

Es ist eine der größten Herausforderungen im Alltag einer Mutter immer aufs Neue zu erkennen, wo unsere Kinder uns brauchen und wo nicht.

Als Neugeborene sind sie ganz und gar auf uns angewiesen. Wir entscheiden alles für sie. Wann sie essen, wo sie schlafen, ob sie auf dem Bauch oder auf der Seite liegen – einfach alles.

Mit jedem kleinen Entwicklungsschritt erobert sich ein Kind ein Stück Entscheidungsfreiheit. Dennoch bleibt es noch lange unsere Aufgabe einen sicheren und wohligen Rahmen für die Entwicklung unserer Kinder zu schaffen.

Wie schaffen wir es nun, die Balance zwischen Unterstützen und Freiraum geben zu finden?

Die Nur-Da-Sein-Regel

Ich habe für mich eine Regel aufgestellt (es gelingt mir immer öfter, mich daran zu halten 😉 ):

Sei da und greife nur dann in das Tun Deines Kindes ein, wenn es Dich danach fragt!

Was „da sein“, was „Tun“ und was „fragen“ bedeutet, ist natürlich abhängig vom Alter Deines Kindes:

Bei kleinen Kindern, die noch kein Telefon bedienen können, bedeutet „da sein“ greifbar sein. Bei einem Teenager bedeutet es ansprechbar zu sein.

Das Greifen nach einem Gegenstand mag uns Erwachsenen nicht als wichtige Tätigkeit erscheinen. Doch für ein Baby ist es ein entscheidender Entwicklungsschritt. Es will es selber können. Wenn es ihm nicht gelingt und es Hilfe will, werden wir es schon merken.

Ein Neugeborenes kann nicht „fragen“ und doch können wir achtsam wahrnehmen, ob es gerade zufrieden ist, oder hoch genommen werden will. Die Unmutsäußerungen eines Kleinkindes sind noch keine Frage nach Hilfe. Es schimpft eben gerade etwas vor sich hin um sich Luft zu machen. Wenn es Hilfe will, wird es sicher „Mama“ rufen.

In der Natur der Mutterschaft liegen zwei Ausnahmen von dieser Regel begründet. Sie haben mit unserer Aufgabe zu tun, unsere Kinder, uns selbst und andere zu schützen.

Ausnahmen 1: Die Gesundheit Deines Kindes ist ernsthaft gefährdet.

Sei aufmerksam: Was genau ist eine ernsthafte Gefährdung? Ist das Deine Meinung oder die anderer Menschen? Ist der Nutzen für das Kind nicht vielleicht größer als die potentielle Gefahr? (Was ist schon die Gefahr eine aufgeschlagenen Knies im Vergleich zur Fähigkeit einen Berg hinunter zu rennen?)

Wenn Du eine ernsthafte Gefahr siehst, wirst Du Dein Kind nicht nur zur Vorsicht mahnen, sondern es sofort aus der Situation holen. Allgemeine Ermahnungen zur Vorsicht sind IMMER kontraproduktiv, weil sie die Konzentration stören. Etwas anderes sind Hinweise wie „Siehst Du, dass es dort vorne steil nach unten geht?“

Ausnahme 2: Dein Kind überschreitet Deine persönlichen Grenzen oder die anderer Menschen.

Auch hier brauchen wir viel Einfühlungsvermögen und die Fähigkeit abzuwägen: Ist es eine persönliche Grenze oder nur ein Prinzip oder eine gesellschaftliche Norm? Wer nähme größeren Schaden – derjenige, dessen Grenzen überschritten würden oder Dein Kind, wenn Du in sein Handeln eingreifen würdest?

Beispiel: Ein Kind zerreißt voll Hingabe eine Rolle Klopapier. Sicher werden Rohstoffe verschwendet und es dauert nach diesem Spiel einige Minuten wieder Ordnung zu schaffen. Doch ist es wirklich eine persönliche Grenze, die da überschritten wird? Oder kannst Du es als Training für die Feinmotorik sehen und es begrüßen?

Anwendung der Nur-Da-Sein-Regel

Nun magst Du Dir denken: „Was soll ich denn statt dessen tun, wenn ich nicht mehr mitmachen darf?“

Ganz einfach: Atme, schau Deinem Kind zu, höre genau hin und genieße. Und wenn Du es gar nicht mehr aushalten kannst, dann frag Dein Kind, ob es Deine Hilfe oder Anregungen haben will.

Und so kannst Du es in Deinen Alltag integrieren:

Schritt 1:

Achte einen Tag lang darauf, wann Du Dein Kind ansprichst, obwohl es sich gerade mit etwas anderem befasst. Mache Dir eventuell Notizen dazu.

Schritt 2:

Gönne Dir einige Minuten um eine Entscheidung zu treffen. Willst Du Deinem Kind mehr Ruhe für seine Entwicklung gönnen? Wenn Deine Antwort Ja lautet …

Schritt 3:

Mach Dir einen Knoten ins Taschentuch, damit Du Dich im Alltag daran erinnerst. Dieser Knoten kann natürlich auch ein Klebezettel, ein Punkt auf der Hand oder etwas anderes sein. Einem älteren Kind kannst Du auch von Deinen neuen Erkenntnissen berichten. Es kann Dich dann aufmerksam machen, wenn es sich seine Ruhe wünscht.

Schritt 4:

Tue es! Achte (auf) Dein Kind und schweig! Tief durchatmen hilft. Wenn Dein Drang etwas zu unternehmen zu groß wird, dann frag Dein Kind einfach, ob Du ihm helfen darfst oder es eine Deiner Ideen hören will. WICHTIG: Wenn es Nein sagt, dann gib Ruhe!

Fazit: Gönne Dir und Deinem Kind Ruhe!

Im Alltag greifen wir viel zu oft gewohnheitsmäßig in das Tun unserer Kinder ein.

Lasst uns achtsam sein für solche Situationen und öfter mal Schweigen. Damit geben wir nicht nur unseren Kindern die Möglichkeit sich ungestört zu entwickeln – wir schaffen auch neuen Raum dafür, auf uns selbst zu achten.

Also, mach es Dir leicht und schweig.

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