Wie Du als Mutter mit Deiner eigenen Wut klar kommst (Das Wutmonster lieben – Teil 1)

Kinder berühren unser Innerstes. Sie lösen in uns ungeahnt starke Emotionen aus. Oder hast Du je zuvor so tiefe Zuneigung gespürt, solche Angst, solche Freude? Warst Du je zuvor so wütend? In diesem Artikel erfährst Du, wie Du als Mutter mit dieser Wut besser umgehen kannst.

Das kleine Wutmonster

Das kleine Wutmonster als Bild für die eigene Wut habe ich aus einem Kinderbuch. Den pädagogischen Wert des Buches finde ich fragwürdig. Die Darstellung von Wut als kleines Monster, dass sich an uns heranschleicht, finde ich gut gelungen. Wut ist nichts, wofür wir uns entscheiden. Wut kommt über uns.

In dieser Artikelserie (hier geht es zu Teil 2) geht es darum, wie wir uns die kleinen Wutmonster – unser eigenes und die unserer Kinder – zu unseren Verbündeten machen. In diesem ersten Teil schreibe ich vom mütterlichen Wutmonster.

Die meisten Mütter kenne diese Wut

Das Wutmonster ist ein häufiger Gast in den meisten Familien. Und zwar nicht nur in Form von Wutanfällen der Kinder, sondern auch bei uns Müttern. Und dann ärgern wir uns auch noch über uns selbst, wenn wir aggressiv und wütend reagieren. Wir alle wollen unseren Kindern doch liebevoll begegnen und ihnen eine stabile, ruhige Atmosphäre bieten. Gleichzeitig ist das Familienleben voll nervenaufreibender Situationen, in denen sich das kleine Wutmonster pudelwohl fühlt.

Schluck es nicht runter!

Ich selbst war kaum einmal so richtig wütend, bevor ich Mutter wurde. Und auch jetzt bin ich ziemlich gut darin, meine Wut für mich zu behalten und gelassen zu reagieren. Viele meiner Freundinnen bewundern mich dafür, dass ich es „immer schaffe so ruhig zu bleiben“.

Natürlich schaffe ich es nicht immer, ruhig zu bleiben. Außerdem ist ein ruhig gestelltes Wutmonster nicht nur positiv. Es ist ja dennoch da und sitzt mir – wenn auch im Stillen – im Nacken. Und so ein Wutmonster will immer seine Aufmerksamkeit. Wenn es nicht wüten darf, bringt es seinen Menschen entweder irgendwann vollends zum Explodieren oder sucht sich seine Befriedigung zum Beispiel durch exzessiven Sport, Essen (meine bevorzugte Strategie) oder verursacht sogar körperliche Beschwerden.

Deshalb bin ich überzeugt: Strategien die unser Wutmonster kontrollieren und ruhigstellen – wie Atemübungen, Runterzählen und andere Entspannungstechniken – können in einzelnen Situationen durchaus hilfreich sein. Als dauerhafte Strategie für eine gute Zusammenarbeit mit dem Wutmonster sind sie ungeeignet.

Wie dann umgehen mit dieser Wut?

Es bleibt uns also nichts anderes übrig, als unser kleines Wutmonster näher kennen zu lernen.

Erhellend ist da schon der Blick auf die Herkunft des Wortes „Wut“: Es kommt von „unsinnig, rasend, besessen“. Da wird klar, dass wir nicht mehr bei Sinnen sind, wenn wir wütend sind. Wir nehmen uns selbst nicht mehr wahr und fühlen uns fremdgesteuert. Unser Wutmonster bestimmt, wo es langgeht. Ich werde Dir zeigen, wie Du das Steuer wieder übernehmen kannst.

Vorher will ich noch eine weitere wichtige Erkenntnis über Wut aus der Emotionsforschung mit Dir teilen:

Wut ist kein Bauchgefühl

Der kanadische Psychotherapeut und Forscher Leslie S. Greenberg unterscheidet zwischen primären und sekundären Emotionen. Die primären Emotionen sind Gefühle, die direkt durch eine Situation ausgelöst werden, wie Angst, Freude, Trauer, Zuneigung. Die primären Emotionen sind also sozusagen unser Bauchgefühl. Sekundäre Emotionen empfinden wir dann, wenn wir unser Bauchgefühl missachten. Wut gehört dazu.

Nimmt uns zum Beispiel jemand die Vorfahrt, ist unser primäres Gefühl Schreck. Doch anstatt zu schreien: „Oh je, das war so knapp. Ich habe so einen Schreck bekommen.“ nehmen die meisten Menschen ihren Schreck gar nicht bewusst wahr. Sie leben direkt ihre Wut aus: „Dieser Hornochse! Hat der keine Augen im Kopf?“

Ein Bedürfnis als Ursprung

Um noch besser zu verstehen, wo unsere Wut her kommt, gehen wir ganz an den Ursprung zurück. Auch die primäre Emotion, die dann zur Wut wird, kommt ja nicht aus dem Nirgendwo. Sie hat ihren Ursprung in einem Bedürfnis, das in der jeweiligen Situation erfüllt oder eben nicht erfüllt ist. Ein erfülltes Bedürfnis erzeugt ein wohliges Bauchgefühl in uns. Ein nicht erfülltes Bedürfnis zwickt und zwackt. Wenn wir das ignorieren oder gar nicht erst wahrnehmen, dann entsteht ein sekundäres Gefühl, wie Wut. Wenn wir dagegen das zwickende Bauchgefühl wahr-, an- und ernst nehmen, können wir das Bedürfnis dahinter erkennen und achten. So werden wir gar nicht erst wütend.

Bedürfnis

 

Ich verdeutliche das wieder am Beispiel Autofahren. Dabei ist haben die meisten Menschen ein großes Bedürfnis nach Sicherheit. Wenn uns jemand die Vorfahrt nimmt, missachtet er damit – natürlich unbewusst – dieses Bedürfnis. Und auch wir selbst sind in diesem Moment meist nicht so ganz bei uns. Auch wir achten nicht auf unser eigentliches Gefühl, den Schreck. Deshalb tippt uns unser Wutmonster auf die Schulter und bringt uns dazu, zu fluchen.

Umgang mit Wut im Alltag

Was nützt uns dieses Wissen über Wut für unseren Alltag als Mutter?

Ganz einfach: Du kannst mit Deinem Wutmonster Frieden schließen und mit ihm gemeinsame Sache machen. Es will im Prinzip das Gleiche, wie Du: Dass Du besser auf Deine Bedürfnisse achtest. Und das können wir lernen. Unser kleines Wutmonster hilft uns dabei. Ich gebe Dir ein Beispiel dafür:

Ein Beispiel

Jeder Mensch hat das Bedürfnis nach Selbstbestimmung. Und auch als Mutter ist es uns noch immer wichtig, selbst darüber zu entscheiden, wann und was wir tun. Unseren Kindern dagegen ist es wichtig, dass wir jederzeit für kleine und große Hilfsarbeiten bereit stehen. Und das äußern sie in der Regel lautstark.

Anja denkt nicht an ihr Bedürfnis nach Selbstbestimmung, als sie den dritten „Maaamaaa“-Schrei in fünf Minuten aus dem Kinderzimmer hört. Beim ersten Mal hat sie ihren Kindern noch freudig den gewünschten Apfel serviert. Beim zweiten Mal war sie schon unwilliger: „Da hättest Du ja wohl auch her kommen können!“ Ihr kleines Wutmonster tippte sie bereits freundlich an.

Jetzt wird es deutlicher. Es bringt Anja dazu ins Kinderzimmer zu stürmen und zu toben: „Was soll dieses ständige Gebrülle? Mir reichts jetzt echt! Wenn Ihr das nächste Mal was braucht, kommt gefälligst zu mir und wartet, bis ich Zeit habe.“

Anja wünscht sich, dass ihre Kinder sie mit ihrem Bedürfnis nach Selbstbestimmung achten und das auch im täglichen Miteinander zeigen. Dass sie das nicht tun, ist ganz natürlich. Es macht Anja dennoch traurig. Gleichzeitig ärgert sie sich darüber, dass es ihr nicht gelingt, ihren eigenen Freiraum gegen eine Fünfjährige und einen Dreijährigen zu schützen.

Anja gönnt sich im Alltag nur wenig Zeit, um in sich selbst hineinzuhören. Und so tritt ihr Wutmonster auf den Plan: Anja wird wütend.

Das Ergebnis

Die Kinder sind erschüttert. Anja ist nach ihrem Wutausbruch noch immer unzufrieden und hat jetzt auch noch ein schlechtes Gewissen, weil sie keine bessere Lösung gefunden hat. Es liegt auf der Hand, dass Anja – und wir alle – zwei Möglichkeiten hat:

  1. Sie kann in der akuten Wutsituation besser mit ihrem Wutmonster zusammenarbeiten.
  2. Sie kann das kleine Wutmonster im Alltag beachten und regelmäßig als Berater nutzen.

Schauen wir uns beide Möglichkeiten näher an:

Kooperation mit dem Wutmonster in akuten Situationen

So könnte Anja auch beim dritten Rufen der Kinder noch anders mit der Situation umgehen:

Anja spürt ihre Wut und macht sich bewusst, dass sie bereits beim ersten Rufen ihrer Kinder ihre eigenen Bedürfnisse missachtet hat. Wichtig ist hier die Erkenntnis, dass nicht mal SIE ihre eigenen Bedürfnisse wahrgenommen hat. Wie sollten es da die Kinder im Nebenzimmer tun?

Anja lässt ihren Ärger darüber zu und vielleicht auch die Verzweiflung darüber, dass sich Muttersein und Freiheit so schwer (nicht unmöglich!) vereinbaren lassen. Sie bemerkt, dass ihre Wut nichts mit ihren Kindern zu tun hat. Sie alleine hat die Verantwortung dafür, dass ihre Bedürfnisse sich beachtet fühlen. Jetzt übernimmt sie diese Verantwortung, geht zu ihren Kindern und teilt diesen mit: „Ich habe es satt, immer wieder von Neuem damit anzufangen, die Spülmaschine auszuräumen. Ich werde jetzt nicht mehr kommen. Wenn Ihr etwas braucht: Ich bin in der Küche zu finden.“ 

Auf diese Art und Weise haben die Kinder eine authentische Mutter erlebt, die klar ihre persönlichen Grenzen gewahrt hat – und das ohne den Kindern die Verantwortung für ihre Wut in die Schuhe zu schieben. Anja fühlt sich ein klein wenig freier. 😉

Das Wutmonster als Lebensberater

Auf Dauer will uns das kleine Wutmonster noch etwas anderes lehren: Auf uns selbst zu achten, unsere Bedürfnisse anzunehmen und nach Möglichkeit zu erfüllen – und zwar BEVOR es zu solchen akuten Wutsituationen kommt. Mach es Dir zur Gewohnheit, mit Deinem Wutmonster zu sprechen. Hör genau hin, was es Dir über Deine unerfüllten Bedürfnisse sagen will. Du kannst jetzt gleich damit beginnen:

Was Du jetzt gleich tun kannst

In welcher alltäglichen Situation warst Du zuletzt wütend? Hole Dir diese Situation klar vor Dein inneres Auge.

Schaffe Dir Klarheit.

Welches Bedürfniss war Dir in dieser Situation besonders wichtig?

Mütterliche Bedürfnisse, die im Familienalltag erfahrungsgemäß oft zu kurz kommen sind z.B.

  • das Bedürfnis nach Effektivität
  • das Bedürfnis nach Ruhe
  • das Bedürfnis nach Freiheit
  • das Bedürfnis nach Anerkennung

Wichtig: In ein und der selben Situation können bei verschiedenen Menschen ganz unterschiedliche Bedürfnisse angesprochen sein. Bei dem Beispiel mit dem Autofahren ist es vermutlich bei den meisten Menschen das Bedürfnis nach Sicherheit, dass bei einem Beinaheunfall das Wutmonster auf den Plan ruft. Bei manchen Menschen mag es auch das Bedürfnis nach Anerkennung sein. Etwa bei Menschen, die viel Wert auf die Bewunderung legen, die ihnen ein schickes, teures Auto einbringt. Dann mag das primäre Gefühl die Trauer darüber sein, nicht beachtet zu werden.

Nimm es an, wie es ist.

Wenn Du das Bedürfnis erkannt hast, dann achte es. Entscheide Dich jetzt gleich für eine Strategie, mit der Du Dein Bedürfnis jetzt oder später erfüllen kannst. Bedürfnisse können gut warten, wenn sie sich gesehen und angenommen fühlen. Es ist wichtig, dass Du es auf Dauer im Blick behältst.

Wenn Du zum Beispiel immer wieder wütend wirst, wenn Deine Kinder zu laut (für Dich) Musik hören, entdeckst Du dahinter vielleicht Dein Bedürfnis nach Ruhe (vielleicht auch das Bedürfnis nach Frieden mit den Nachbarn). Plane in Deinen Alltag langfristig regelmäßige Ruhepausen ein. Dann meldet sich Dein Bedürfnis nach Ruhe wahrscheinlich nicht mehr so aufdringlich, wenn Deine Kinder Musik hören.

Sprich darüber.

Formuliere am besten jetzt gleich einige Sätze, mit denen Du Deine Bedürfnisse Deinen Kindern gegenüber klar und kindgerecht vertreten kannst, wenn Dich Dein Wutmonster trotzdem wieder antippt.

Beispiele:

„Ich brauche gerade etwas Ruhe. Ich werde in den Garten gehen, solange ihr so laut Musik hört.“

„Ich bin nicht bereit, Dir länger beim Händewaschen zuzusehen. Ich werde mich ins Wohnzimmer setzen und etwas lesen. Wenn Du Zeit hast, Dir die Zähne putzen zu lassen, ruf mich.“

„Ich will pünktlich in der Arbeit sein. Das dauert mir jetzt zu lange, bis Du Deine Schuhe selbst zugebunden hast. Willst Du meine Hilfe oder willst Du die Schuhe mit den Klettverschlüssen anziehen?“ 

Welche Bedürfnisse hast Du bei dieser Übung erkannt? Gelingt es Dir, sie im Alltag zu achten und Deinen Kindern gegenüber zu benennen? Ich freue mich auf Deinen Kommentar unter diesem Artikel.

Fazit

Du kannst trainieren mit Hilfe von Atemübungen oder ähnlichem Dein Wutmonster in Schach zu halten. Wohltuender ist es auf Dauer, wenn Du Deinem Wutmonster zuhörst und der Quelle Deiner Wut auf die Spur kommst.

Ganz am Anfang steht immer ein unerfülltes und unbeachtetes Bedürfnis. Werde achtsam für Deine Bedürfnisse. Dann wirst Du viel seltener wütend werden. Und wenn das Wutmonster doch mal wieder anklopft: Sage klar, um was es Dir gerade geht, anstatt das kleine Wutmonster vorzuschicken.

Ein Tipp zum Schluss: Wenn Du Deine Bedürfnisse und Emotionen besser kennen lernen und effektiver ausdrücken willst, dann empfehle ich Dir etwas über „Gewaltfreie Kommunikation“ von Marshall B. Rosenberg zu lesen.

Ich wünsche Dir viel Spaß mit Deinem kleinen Wutmonster. Wenn Du auch mit dem Wutmonster Deines Kindes Frieden schließen willst, dann lies hier weiter.

Lebe eigen-Sinnig!

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Übrigens: In die meisten meiner Artikel fließen Ideen aus der GFK und dem Lingva Eterna Sprach- und Kommunikationskonzept ein.

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