10 Fragen, mit denen Du Dein Kind zum Lügen zwingst

Menschen lügen. Kinder lügen. Das ist normal und doch wünschen wir uns Ehrlichkeit – gerade von unseren Kindern. Du kannst es Deinem Kind von klein auf leichter machen, ehrlich zu sein, indem Du ihm diese 10 Fragen nicht stellst.

Ich habe viele Reaktionen auf meinen letzten Artikel über das Lügen bekommen. Überwiegend waren meine Leserinnen mit mir einer Meinung: Kinder lernen Werte wie Ehrlichkeit ganz von alleine. Deshalb ist es wichtiger ihnen Vertrauen zu schenken, als sie der Lüge zu überführen und ihnen eine Lehre zu erteilen. Julia von Windelwissen hat mich auf einen wichtigen Aspekt aufmerksam gemacht, den ich in dem Artikel nicht erwähnt hatte: Wir Eltern machen es unseren Kindern manchmal ganz schön schwer, ehrlich zu bleiben. Wir stellen Ihnen Fragen, die als Antwort eine Lüge sehr wahrscheinlich machen. Und das fängt schon im Windelalter an:

„Brauchst Du eine frische Windel?“

Diese Frage stellen wir in der Regel dann, wenn wir den unverkennbaren Duft schon in der Nase haben. Wir werden das Kind also so oder so demnächst wickeln. In vielen Fällen wird das Kind jedoch abstreiten eine volle Windel zu haben. Schließlich ist das, was es gerade tut meist angenehmer, als gewickelt zu werden.

Was also tun, wenn wir auf unsere Frage ein „Nein“ hören? Trotzdem wickeln? Warum haben wir dann gefragt? Das Kind in seiner dreckigen Windel weiter spielen lassen? Nicht so angenehm.

Ehrlicher und verantwortungsbewusster wäre es, das Wickeln schlicht anzukündigen. Dann bleibt noch Raum für die Frage, wann der richtige Zeitpunkt ist.

Jegliche Frage, deren Antwort unser Verhalten nicht beeinflusst, können wir uns sparen. Damit sparen wir den Kindern zum einen die Versuchung zu lügen und zum anderen die Demütigung, dass ihre Aussage ohnehin nicht zählt.

„Musst Du aufs Klo?“

Besonders in der ersten Zeit ohne Windel vergessen Kinder den Gang zum Klo oft beim Spielen. Da liegt es nahe, nachzufragen um nasse Hosen zu vermeiden. Meine Erfahrung hat gezeigt, dass Kinder (besonders Jungs) auf die Frage „Musst Du aufs Klo?“ zuverlässig mit „Nein“ antworten. Dieses Nein empfinden wir dann als Lüge, wenn 10 Minuten später alles in die Hose geht. Wörtlich genommen, hat das Kind jedoch eine richtige Antwort gegeben: Es musste ja nicht auf Klo. Es hat sich auch so erleichtern können. 😉

Dazu kommt natürlich der gleiche Effekt, wie bei einer vollen Windel: Die Kinder wissen genau, dass sie ihr Spiel unterbrechen müssen, wenn sie jetzt mit ja antworten.

Deshalb: Triff eine Entscheidung. Willst Du Dein Kind seine eigenen Erfahrungen machen lassen und eventuell eine Zeit lang häufiger waschen oder erinnerst Du Dein Kind lieber regelmäßig? Dann tue das lieber in der Art: „Du hast vorhin viel getrunken. Bitte geh auf die Toilette, damit Deine Hose trocken bleibt.“

„Hattest Du heute bei Oma schon ein Eis?“

Eine Frage dieser Art stellen wir häufig, nachdem unser Kind einen Wunsch geäußert hat. Wir wissen also, dass es gerade richtig gerne ein Eis essen will. Und wir wissen, dass unser Kind weiß, dass es in der Regel nur ein Eis am Tag bekommt. Wir muten unserem Kind mit dieser Frage also mächtig was zu. Was soll es denn machen? Freiwillig auf sein zweites Eis verzichten?

Übernehmen wir auch hier die Verantwortung. Entweder wir lassen es einfach gut sein und unser Kind isst eben mal zwei Eis oder wir treffen klare Absprachen mit der Oma.

„Warum willst Du denn nicht in den Kindergarten/in die Schule?“

Diese Frage ist aus zwei Gründen dazu angetan, Dein Kind zum Erfinden einer Geschichte zu animieren:

  1. „Warum“ ist eine große Sache. „Warum“ ist so offen und fordert eine umfassende Erklärung, die unser Kind kaum in Worte fassen kann.
  2. Mit dem „Warum“ zeigen wir, dass wir das Verhalten unseres Kindes nicht verstehen, nicht nachvollziehen können. Unser Kind fühlt sich falsch. Das „denn“ in der Frage führt zu einer Betonung, die den Eindruck noch verstärkt, dass wir das Verhalten unseres Kindes nicht gut finden.

Unser Kind fühlt sich also genötigt, sich eine gute Begründung einfallen zu lassen.

Um ein konstruktives Gespräch mit unserem Kind zu beginnen, sind zum Beispiel folgende Fragen besser geeignet: „Was willst Du lieber tun?“, „Hast Du eine Idee, wie Deine Lust auf den Kindergarten/die Schule wieder kommen könnte?“, „Was brauchst Du, dass es Dir leichter fällt?“

„Bist Du müde?“ oder „Ist Dir kalt?“

Mit diesen Fragen suggerieren wir, dass wir unseren Kindern diese Einschätzung zutrauen. Doch so ist es oft nicht gemeint. Wir wollen uns eine Bestätigung holen, damit wir uns leichter tun, unser Kind anschließend ins Bett oder in eine wärmere Jacke zu zwingen. Den Gefallen tun uns die Kinder jedoch oft nicht – gerade weil sie aus Erfahrung wissen, dass wir uns so und so einmischen.

Triff eine Entscheidung: Willst Du auch über das Säuglingsalter hinaus für die elementaren körperlichen Bedürfnisse Deines Kindes sorgen? Dann mach klare Ansagen. Oder entscheide Dich dafür, es Deinem Kind zu überlassen, unterstütze es dabei und mach freundliche Angebote („Ich habe eine Jacke für Dich dabei. Sag Bescheid, wenn Dir kalt ist.“)

„Warum hast Du das gemacht?“

Eine beliebte Antwort auf diese Frage ist „Ich habe nicht gewusst, dass ich das nicht darf.“. Was in den meisten Fällen nicht stimmt. Doch ich verstehe soooo gut, dass Kinder zu dieser Notlüge greifen. Sie wissen die Antwort oft selbst nicht. Oder sie ahnen, dass wir noch wütender werden, wenn sie die Wahrheit sagen. „Weil ich einfach sehen wollte, wie die rote Farbe an der Wand aussieht.“, „Weil ich wusste, dass Du mir nicht erlaubst Deine Lieblingsschokolade aufzuessen.“

Diese Frage setzt unsere Kinder also enorm unter Druck. Und mit Druck lernt es sich nur schwer. Aus einem authentischen Gefühlsausdruck Deinerseits wird Dein Kind viel mehr mitnehmen.

„Wirst Du heute Nachmittag Dein Zimmer aufräumen?“

Kinder leben ganz im hier und jetzt – umso kleiner sie sind, umso mehr. Deshalb können sie Fragen, die sich auf die Zukunft beziehen nicht beantworten. Wenn sie eine Zusage machen und sich dann nicht daran halten, haben sie genau genommen nicht gelogen. Wir haben etwas von ihnen verlangt, was sie schlicht nicht können: Einzuschätzen, was in ein paar Stunden ist.

„Schläfst Du auch wirklich ohne Theater ein, wenn ich Dir jetzt noch eine Geschichte vorlese?“

Im Moment der Frage ist die weitere Geschichte so wichtig, dass das Kind alles versprechen würde. Seien wir einfach realistisch: Wenn unser Kind seit Wochen noch dreimal unsere Anwesenheit braucht, bis es endlich einschlafen kann – warum sollte es dann heute nach einer weiteren Gute-Nacht-Geschichte anders sein?

Entweder wir lesen sie gerne vor oder wir lassen es. Es an Bedingungen zu knüpfen führt fast sicher zu einer nicht gehaltenen Zusage.

„Hast Du Dir auch wirklich die Hände gewaschen?“

Niemand kennt unsere Kinder besser als wir (ausgenommen sie selbst). Dennoch verlangen wir immer wieder Dinge von Ihnen, von denen wir wissen, dass sie sie nicht tun werden. Und dann fragen wir auch noch auf eine Art und Weise nach, die ganz klar vermittelt „Ich glaube Dir eh nicht.“ (Durch die Betonung und das „wirklich“ in der Frage). Da ist es doch nur nahe liegend, dass unsere Kinder schwindeln.

Hören wir damit auf, unsere Kinder in solche Situationen zu bringen. Vielleicht gehen am besten alle gemeinsam Hände waschen?

„Was hat denn der Papa dazu gesagt?“

Mit dieser Frage zeigen wir ganz deutlich: Ich habe dazu keine Meinung, die ich vor Papa auch vertreten würde. Und dann wundern wir uns, wenn unsere Kinder „uns gegeneinander ausspielen“.

Auch hier hilft Klarheit auf unserer Seite: „Ich will das erst mit Papa besprechen.“

Fazit

Es gibt eine Reihe von Fragen, die unsere Kinder nahezu zum Lügen zwingen – entweder, weil die Frage sie überfordert, weil eine ehrliche Antwort von Nachteil wäre oder weil sie spüren, dass wir die Antwort nicht ernst nehmen werden.

Lasst uns damit aufhören, gewohnheitsmäßig Fragen zu stellen. Gehen wir statt dessen bewusst und zugewandt auf unsere Kinder ein.

 

Dokument1-001Mach es Dir leicht und lebe eigen-Sinnig!

 

 

 

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Übrigens: In die meisten meiner Artikel fließen Ideen aus der GFK und dem Lingva Eterna Sprach- und Kommunikationskonzept ein.

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